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Von der Heilkraft des Weinsteins
25 Jun

Von der Heilkraft des Weinsteins

In sämtlichen alten Kräuterbüchern und auch bereits in antiken Schriften, werden die Heilwirkungen des Weins ausführlich gewürdigt. Ein detailierter Überblick zu diesem vielseitigen Mittel, das Sie als «Aurora Weinstein» beziehen können. 

Im Kräuterbuch des Matthiolus (1562) liest man beispielsweise: „… der Wein sey das Blut der Erden. Nichts bessers ist/ die Natur zu kräfftigen/ dann guter natürlicher Wein/ der an der Substanz subtil und lauter/ an der Farb schön/ am Geruch und Geschmack lieblich/ an der Zeit nicht jung oder sehr alt sey (…). Solcher Wein getruncken/ bringet lust zum Essen/ bessert die dewung (Verdauung)/ wird leichtlich in allen Gliedern zertheilt und verwandelt/ macht eine schöne Farb/ vertreibt die Schwermütigkeit/ und stärckt in Summa alle natürliche Krüfften.“

Wein wirkt also anregend auf alle Lebensprozesse. Wen wundert es da, dass man ihn als zentralen Bestandteil in fast allen Lebenselixieren findet. Aber nicht nur der Wein selbst ist ein wertvolles Heilmittel. „Viele Kräfte werden nämlich im Weinstein gefunden, mehr als im Weine“ (Paracelsus). Weinstein (lat. tartarus) ist ein Bestandteil des Mostes der Weintrauben, der sich als harte kristallinische Kruste an den Wänden von Weinfässern absetzt. Roher Weinstein (Tartarus crudus) ist je nach Weinsorte etwas anders gefärbt. Der Signaturenkundige sieht in der Entstehung des Tartarus eine Analogie zu Prozessen im Stoffwechsel des Menschen. Im alchimistischen Sinn ist der Weinstein eine Ausfällung (Koagulation) von etwas Grobem, Festen, dem Element Erde verwandt, aus einem flüssigen Milieu, also dem Element Wasser. Man kann dies auch als Metamorphose des Vegetabilen in etwas Mineralisches betrachten.

Betrachten wir den Menschen, so finden wir hierin eine Analogie in der Ablagerung von Schlacken infolge eines Stoffwechselgeschehens. Besonders in Gelenken, aber auch in anderen Hohlräumen des Körpers (entspricht dem Weinfass) wie in Galle und Niere oder in den Blutgefäßen selbst, kann es unter bestimmten Bedingungen zu Ausfällungen kommen. Paracelsus nannte diese Art von Krankheiten wie Gicht, Rheuma, Arthrose, Gallen- und Nierensteine oder Sklerose folgerichtig „Tartarische Leiden“.

Damit man den Weinstein allerdings als Heilmittel nutzen kann muss er speziell aufbereitet werden. Durch die Reinigung des rohen Weinsteins, bei der man den weinsauren Kalk entzieht, entstehen harte Kristallkrusten, die man als Tartarus depuratus bezeichnet; dieser ist weiß, geruchlos, schmeckt schwach sauer, ist in Wasser schwer löslich und in Alkohol praktisch unlöslich. Er dient als Ausgangsstoff für die Weiterverarbeitung, z.B. mit Antimon zu Brechweinstein (= Tartarus stibiatus, Antimonium tartaricum, Tartarus emeticus), einem der wichtigsten Mittel bei chronischen Krankheiten (ab D4) zur Regeneration, vor allem bei Lungenleiden wie Asthma oder chronischer Bronchitis, Wassersucht, Herzinsuffizienz, Gastritis und Geschwüre von Haut und Schleimhaut sowie bei Brechdurchfall; alle Symptome sind mit Mattigkeit und Schwäche verbunden. Früher verwendete man Brechweinstein auch als Purgativum, was ja bereits der Name besagt; wegen der Giftigkeit ist dies jedoch bei einer falschen Dosierung mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden, außerdem ist das Mittel wie alle Antimonverbindungen rezeptpflichtig. Doch der gereinigte Weinstein ist an sich bereits eine wertvolle Arznei. Man gebrauchte ihn früher zur Behandlung chronischer Hautleiden, als Ableitungsmittel über Niere, Leber und Darm und vor allem zur Behandlung bei Steinbildungen in den ausscheidenden Organen.

Man findet Bemerkungen über Weinstein in praktisch jedem Alchimiebuch, so heißt es im „Chymischen Handleiter“ von 1674: „Die Kräffte dieses gereinigten Tartari seynd diese; erstlich löset er auf/ und machst die grobe und tartarische Humores, welche die Verstopfungen des oberen Leibes verursachen/ dünne/ derowegen kann man ihn für die Verstopfung der Leber/ des Milzes/ des Mesenterii und Pancreasis/ oder Rückleins/ wie auch der Nieren gebrauchen/ fürnemlich aber erweiset er seine Tugend in den melancholischen Kranckheiten/ die ihren Sitz in den Hypochondrien haben. Auch melden alle Authores, dass es ein Digestivum universale sey.“ Der gereinigte Weinstein wirkt als Resolvens also kühlend, digestiv, diuretisch, auflösend und ausscheidend.

Die wichtigsten Arzneien aus dem Weinstein sind jedoch alchimistische Zubereitungen, die man durch Destillation gewinnt. Zum Glück gibt es noch (wenige) Firmen die alchimistische Traditionen pflegen und entsprechende Heilmittel mit Weinstein herstellen. Die Firma Phönix hat gleich 12 unterschiedliche Arzneien mit einem Destillat aus gereinigtem Tartarus als Bestandteil, die alle zur Behandlung unterschiedlicher Stoffwechselstörungen dienen. Ein Beispiel, das gleichzeitig als Basispräparat zur Behandlung tartarischer Leiden dient, ist „Tartarus spag.“ (Tropfen von Phönix). Die Inhaltsstoffe wirken vor allem ausleitend über Darm und Nieren. Die Destillation entspricht dem Lösen des Spiritus, des Geistartigen, aus einer festen Substanz. Im Prinzip ist es also die Umkehrung der eigentlichen Weinsteinentstehung.

„Solve et coagula“ – Löse und schlage nieder ist einer der wichtigsten Arbeitsanweisungen in der Alchimie. Im Chymischen Handleiter kann man folgendes zum „Spiritualisierten Tartarus“ lesen: „Eines von den besten Hülffmitteln/ so die Chymische Kunst bereitet/ denn er hat Macht und Gewalt einzudringen/ zu erdünnern/ und zu resolvieren oder aufzulösen/ alles dasjenige/ was Verstopfungen der innerlichen Glieder verursachet; (…) so vermag er wegen seiner großen Subtilität/ bis zu den fern entlegenen Theilen zu penetrieren/ so er durch den Urin und Schweiß alles überflüssige in den Verdauungen austreibet/ derowegen man ihn mit Nutze in der Wassersucht/ Schmerzen des Zipperleins (Gicht)/ und allen Glieder- und Gelenckgebrechen in der Schlag-Lähmung Paralysis genannt (Apoplex)/ (…) Krätze/ Jucken und Contractur gebrauchen kann“ (Le Febure, 1674).

Auch in der Homöopathie wird Weinstein verwendet. Die Indikationen entsprechen weitgehend dem bisher Genannten. DHU und Spagyra liefern Tartarus crudus und Tartarus depuratus, also rohen und gereinigten Weinstein ab D3 = Ø.

Doch es gibt noch weitere alchimistische Zubereitungen aus Weinstein. Eine Lösung von gebranntem Weinstein (Tartarus calcinatus) in einem speziell hergestellten Brandwein liefert die Schweizer Firma AuroraPharma (Tartarus Ø). Die Tinktur schmeckt angenehm aromatisch und leicht säuerlich und eignet sich als Basismittel zur Behandlung aller tartarischen Leiden (3 Mal tgl. 5 Tropfen, kurmäßig über ca. 7 Wochen).

Ganz anders verwendet die Firma Weleda den Weinstein für das Präparat „Kalium aceticum comp.“. Ausgangssubstanz ist ein kalzinierter und gereinigter Weinstein. Das gewonnene Kaliumkarbonat wird durch mehrfache Destillationen mit angereichertem Weinessig zu Kalium aceticum umgewandelt. In einem weiteren Schritt gibt man Antimonit sowie Safran zu, der zuvor in Weinbrand angesetzt wurde. Wiederum wird schrittweise destilliert. Zum Abschluss kommt als letzter Bestandteil noch pulverisierte Rote Koralle hinzu und es wird letztmalig destilliert. Das Besondere ist aus alchimistischer Sicht die Vergeistigung aus dem „Sal“ des Weins, wobei man gleichzeitig den sulfurischen Anteil und den Merkur des Weins verwendet. Das Präparat ist ein Spiegelbild der Blutentstehung, wobei es die inneren Gestaltungskräfte anregt, zentriert und strukturiert. Das Mittel bringt den tartarischen Zustand der Schwere wieder in die Leichte hinein. Indikationen sind beispielsweise Varikosis, Magengeschwüre, seelische Erschöpfung und Depression.

Zum Abschluss darf das Mittel „Splenetik“ von der Firma Soluna nicht unerwähnt bleiben. Neuerdings heißt das Präparat nur noch „Solunat Nr. 18“. Gleich in mehrfacher Hinsicht finden wir den Wein und den Tartarus in diesem Mittel. Es besteht aus einer alkoholischen Lösung von Kaliumkarbonat, das aus Rebholzasche gewonnen wurde, aus gereinigtem Weinstein (Tartarus depuratus), aus Brechweinstein (Tartarus stibiatus D3) und aus einem speziellen Antimondestillat. Das Mittel eignet sich allgemein zur Behandlung tartarischer Leiden, ist also wiederum ein Basismittel zur Behandlung chronischer Stoffwechselkrankheiten. Ferner eignet es sich zur Behandlung von Steinleiden, der gichtisch-rheumatischen Diathese und als Begleitmittel zur Behandlung von chronischen Immunopathien (spezifische Milzwirkung), Degeneration und einer Neigung zu Entartungen. Auch die Depression lässt sich damit erfolgreich behandeln, denn „nicht gelöste“ Konflikte und „unverdaute“ seelische Erlebnisse sind nichts anderes als ein Tartarus der Seele.

Literatur

Paracelsus: Sämtliche Werke (Hrsg. Aschner, Bernhard), 1926 – 1932. Anger – Verlag Eick, Nachdruck 1993.
Rippe, Olaf u.a.: Paracelsusmedizin; AT-Verlag, 2001.
Rippe, Olaf / Madejsky, Margret: Die Kräuterkunde des Paracelsus; AT-Verlag, 2006.
Schmitt, Erich: Weinstein-Präparate. Zeitschrift Naturheilpraxis 06 u. 07/01, Pflaum Verlag, 2001.
Schröder, Johann: Chymische Apotheke oder höchstköstlicher Arzney-Schatz (1685). Kölbl-Verlag; Nachdruck 1963.

Dieser Artikel ist zuerst auf der Webseite der Natura Naturans erschienen. Mit freundlicher Genehmigung von Olaf Rippe.

Olaf Rippe

geboren 1960. Heilpraktiker mit eigener Praxis in München. Seit 1988 Praxis- und Seminartätigkeit, speziell zur Heilkunde nach Paracelsus sowie zur Kräuterheilkunde, Astrologischen Medizin, Humoralmedizin und Homöopathie. Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft »Natura Naturans - Traditionelle Abendländische Medizin«, München. Er schreibt regelmässig für naturheilkundliche Fachzeitschriften. Sein besonderes Anliegen ist die Integration der überlieferten volksmedizinischen Erfahrungen und des hermetischen Wissens alter Meister in die Heilkunde von heute.

 

www.olaf-rippe.de

 

www.natura-naturans.de

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