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Evelyn de Morgans «The Love Potion»
23 Jul

Evelyn de Morgans «The Love Potion»

Mit konzentriertem Blick giesst die rothaarige Frau im gelben Gewand den roten Inhalt einer kleinen Phiole in einen Kelch. Das Fenster ist weit geöffnet, in der Dämmerung ist ein Liebespaar in inniger Umarmung vor einer steinernen Brüstung, hinter der sich eine Weltlandschaft eröffnet, auszumachen. Handelt es sich bei den beiden Figuren um die Empfänger des geheimnisvollen Tranks? Soll er die Liebenden entzweien oder Liebe stiften? Will die Rothaarige Gutes oder Böses? Ist sie eine Hexe, die schwarze Magie praktiziert, oder gar eine gebildete Alchemistin, wie die Bücherreihe unter dem Fenster suggeriert? [1]

Abb. 1: Evelyn De Morgan, The Love Potion, 1903, Öl auf Leinwand, 104,14 x 52,07 cm, The De Morgan Foundation, De Morgan Collection Storage

Evelyn De Morgan malte The Love Potion (Abb. 1) im Jahr 1903. Die Künstlerin selbst war praktizierende Spiritistin und mit dem okkultistischen Diskurs ihrer Zeit bestens vertraut. Ihr Mann, William De Morgan, war ebenfalls Künstler und einer der bedeutendsten Keramiker der «Arts and Crafts»-Bewegung. Als passionierter Chemiker experimentierte er nur zu gern mit neuen Techniken, sei es für die Herstellung der Glasur seiner Keramiken oder für neue Farbpigmente für seine Malerei.

Zeitgenossen sahen in The Love Potion eine Darstellung schwarzer Magie: das rote Haar, der vermeintlich giftige Trank und dann noch die schwarze Katze, die den Betrachter mit hypnotisierendem Blick fesselt, schienen jeglichen Zweifel an der bösartigen Natur der Bildprotagonistin auszuräumen.[2] Jedoch ist eine Deutung unter alchemistischen Gesichtspunkten, wie folgender Abschnitt zeigen wird, plausibler.[3]

Alchemie, das ist ein Begriff, der nach Geheimnis und Märchen klingt und den man im 19. Jahrhundert, einer Zeit, in der die moderne Chemie die geheime Kunst der Alchemie längst abgelöst hatte, kaum noch vermutet. Auch wenn die Suche nach dem Elixir, dem Stein der Weisen, mit dem man Gold herstellen wollte, in den Hintergrund gerückt war, so glaubte man durchaus an die Möglichkeit einer inneren Transmutation und Wandlung mit Hilfe einer spirituellen Form der Alchemie.[4] Erst mit der Entdeckung der Radioaktivität kam der alchemistische Diskurs zurück in den Bereich der Naturwissenschaften.[5] 1903 entwickelten Ernest Rutherford und Frederick Soddy eine Theorie zur Umwandlung von Elementen mit Hilfe radioaktiver Strahlung. Kann es Zufall sein, dass The Love Potion genau in diesem Jahr entstand? Steckt hinter der rothaarigen Frau möglicherweise mehr als die Figur der Hexe, die in der Malerei des 19. Jahrhunderts populär war?

Abb. 2: Adolphe Louis Charles Crespin, Amor Vincit Omnia (Love Conquers All), 1895, Farblithografie (Poster), 58,8 x 43,3 cm, Philadelphia, Philadelphia Museum of Art

Eine Farblithografie von Adolphe Louis Charles Crespin, die frappierende kompositorische Ähnlichkeiten mit The Love Potion hat, legt genau das nahe (Abb. 2). Crespin hat dieses Bild für den belgischen Chemiker und Physiker Robert Goldschmidt entworfen.[6] Auch hier offenbart sich ein Blick in ein Interieur, in dem eine sitzende weibliche Figur eine rote Flüssigkeit aus einem Reagenzglas in einen Glaskolben träufelt. Wie in De Morgans Gemälde trägt die Frau ein antikisierendes gelbes Gewand und an ihre Beine schmiegt sich eine schwarze Katze.[7] Die Szene ist ebenfalls mit dem Thema der Liebe überschrieben: „Amor Vincit Omnia,“ die Liebe besiegt alles, lautet das Motto.[8] Wird auch hier ein Liebestrank gebraut? Da es sich bei dieser Lithografie vielmehr um eine Allegorie der Chemie handelt, ist vermutlich die Liebe zur Wissenschaft und zur Erkenntnis gemeint. Der Raum, in dem die Frau Platz genommen hat, ist eindeutig als Chemielabor zu identifizieren. Zu ihren Füssen stehen zwei Gefässe, die die Aufschriften «S» für Schwefel und «KOH» für Kaliumhydroxid tragen, ein Verweis auf die französische Redewendung «souffre et potasse» (Schwefel und Kalium), das so viel wie studieren bedeutet.[9] Es geht um das Studieren und die Erkenntnis der Geheimnisse der Natur.

Vor dem Hintergrund dieser zeitlich früheren Darstellung ist zu fragen, ob De Morgans Gemälde darauf zurückgeht. Da Crespins Bild als Poster Verbreitung fand, kann das nicht ausgeschlossen, leider aber auch nicht durch Quellen belegt werden. Die visuelle Evidenz spricht jedoch für sich. Damit verblasst der schwarzmagische Charakter von The Love Potion noch etwas mehr. Das Liebespaar, das durch das offene Fenster auszumachen ist, liesse sich hervorragend mit alchemistischem Gedankengut vereinbaren. Liebespaare gehören zum ikonografischen Standardprogramm alchemistischer Bildsprache.

Abb. 3: König und Königin, in: Salomon Trismosin: Splendor Solis, 1582, 190 x 150 mm, London, British Library, Harley 3469, fol. 10r

Die sogenannte „chymische Hochzeit“[10] versinnbildlicht die Zusammenführung der Gegensätze, der Substanzen des hermetischen Sulfur und Merkur (Schwefel und Quecksilber) wie etwa in der alchemistischen Prachthandschrift Splendor Solis (Abb. 3).[11] Hier treten König Sol und Königin Luna miteinander in Dialog.

Abb. 4: Detail von Abb. 1: The Love Potion: Liebespaar

Das Setting dieser Szene ist dem Blick durch das Fenster in De Morgans Gemälde nicht unähnlich (Abb. 4), sodass auch hier der Gedanke an die Zusammenführung der Substanzen zugrunde liegen könnte. Dafür spricht die Positionierung des Paares in der Achse des Liebestrankes. Somit bekäme der Begriff ‚Love Potion‘ eine ganz neue Bedeutung. Er verweist auf das Moment der coniunctio, das als Vereinigung der Liebenden imaginiert wird.

Wie eingangs erwähnt, lag vor allem für Evelyns Mann William die quasi-alchemistische Praxis in seinem eigenen künstlerischen Schaffen nahe. So bezeichnete er Rezepturen zur Herstellung der Glasuren von Keramikarbeiten als «den Stein der Weisen der Keramiker.»[12] Des Weiteren entwickelte er ein neues Verfahren zur Farbherstellung, das er geheimnisvoll als «The Process»[13] bezeichnete und das auch Evelyn für einige ihrer Gemälde anwendete. Liegt der ikonografischen Auseinandersetzung mit der Figur der Alchemistin also noch mehr zugrunde als ein blosses historisches Interesse an magisch-alchemistischen Praktiken und an der Nobilitierung des weiblichen Geschlechts im Zusammenhang mit den selbigen? Dient die Figur gar als Projektionsfläche für eigene künstlerische Methoden?[14] Vor dem Hintergrund von Crespins frappierend ähnlicher Darstellung, in der der Mythos Alchemie und die moderne Chemie zusammenfliessen, und dem chemischen Interesse der De Morgans lassen sich die ursprünglich negative Konnotation von The Love Potion und die Deutung der Frau als bösartige Hexe völlig negieren. Wie Crespins Lithografie zu einer Allegorie der Chemie wird, ist Evelyn De Morgans Gemälde als Allegorie auf die künstlerische Praxis zu verstehen. Alchemie und Kunst gehen Hand in Hand. So wird die vermeintliche Hexe zur Alchemistin und ihr Opus magnum, das hier als Liebenstrank getarnt ist, zum Werk der Künstlerin.

Literaturverzeichnis

Abraham, Lyndy: A Dictionary of Alchemical Imagery, Cambridge 1998

Atwood, Mary Anne: A suggestive inquiry into the hermetic mystery and alchemy, London 1850

Casteras, Susan P.: Malleus Malificarum or The Witches' Hammer. Victorian Visions of Female Sages and Sorceresses, in: Victorian sages and cultural discourse. Renegotiating gender and power, hg. von Thaïs E. Morgan, New Brunswick u.a. 1990, S. 142-170

Gannon, Corinna: Evelyn De Morgan’s Female Alchemist in 'The Love Potion.' A Figurehead for the Female Artist, in: GUStA. University of Toronto Art Journal 7, 2018, S. 55-79.

Gordon, Catherine (Hg.): Evelyn de Morgan. Oil paintings, London 1996

Helfand, William H. (Hg.): The Picture of Health. Images of Medicine and Pharmacy from the William H. Helfand Collection, Philadelphia 1991

Lawton Smith, Elise: Evelyn de Morgan and the Allegorical Body, London 2002

Morgan, William de: Lustre Ware, in: The Journal of the Society of Arts 40, 1892, S. 756-764.

Morrisson, Mark: Modern Alchemy. Occultism and the Emergence of Atomic Theory, New York 2007

Stirling, A.M.W: Pictures and Statuary. Mrs. Evelyn De Morgan, o.O. 1920

The De Morgan Foundation at Old Battersea House, Wandsworth 1983

Völlnagel, Jörg: Harley MS. 3469 Splendor Solis or Splendour of the Sun. A German Alchemical Manuscript Artikel 8, 2011

Abbildungsnachweis

Abb. 1: Catherine Gordon (Hg.): Evelyn de Morgan. Oil Paintings, London 1996, Tafel 42

Abb. 2: https://www.philamuseum.org/collections/permanent/86499.html

Abb. 3: http://www.bl.uk/catalogues/illuminatedmanuscripts/ILLUMIN.ASP?Size=mid&IllID=28072

Abb. 4: wie Abb. 1

  1. [1]Die Buchrücken sind mit Inschriften versehen: Libri I, AZ: opus, Orra, Artis Magi, Iamblicus, Agrip Con Libri III, BEK: Opus XII und Paracelsus.
  2. [2]So etwa De Morgans Schwester und Biografin, Wilhelmina Stirling: Stirling, A.M.W: Pictures and Statuary. Mrs. Evelyn De Morgan, o.O. 1920, Nr. 40; oder aber noch knapp 60 Jahre später in einem Katalog: The De Morgan Foundation at Old Battersea House, Wandsworth 1983, S. 14, sowie: Casteras, Susan P.: Malleus Malificarum or The Witches' Hammer. Victorian Visions of Female Sages and Sorceresses, in: Victorian sages and cultural discourse. Renegotiating gender and power, hg. von Thaïs E. Morgan, New Brunswick u.a. 1990, S. 142-170, hier: S. 152.
  3. [3]Siehe hierzu ansatzweise: Lawton Smith, Elise: Evelyn de Morgan and the Allegorical Body, London 2002, S. 107f.
  4. [4]Exemplarisch sei hier auf das Buch von Mary Anne Atwood verwiesen: Atwood, Mary Anne: A suggestive inquiry into the hermetic mystery and alchemy, London 1850.
  5. [5]Morrisson, Mark: Modern Alchemy. Occultism and the Emergence of Atomic Theory, New York 2007
  6. [6]William H. Helfand (Hg.): The Picture of Health. Images of Medicine and Pharmacy from the William H. Helfand Collection, Philadelphia 1991, S. 26.
  7. [7]Der Künstler hat die Katze vermutlich hinzugefügt, da Goldschmidt diese Tiere mochte. Vgl. Helfand 1991, S. 26.
  8. [8]Es entstammt Vergils 10. Ekloge und wurde zum Wahlspruch vieler Minnesänger und Ritter im Mittelalter.
  9. [9]Helfland 1991, S. 26.
  10. [10]Zur chymischen Hochzeit siehe: Abraham, Lyndy: A Dictionary of Alchemical Imagery, Cambridge 1998, S. 37.
  11. [11]Es ist nicht auszuschliessen, dass De Morgan den Splendor Solis kannte. Ein Exemplar dieser Handschrift befand sich seit 1753 in der British Library. Vgl. Völlnagel, Jörg: Harley MS. 3469 Splendor Solis or Splendour of the Sun. A German Alchemical Manuscript Artikel 8, 2011, online verfügbar unter: http://www.bl.uk/eblj/2011articles/pdf/ebljarticle82011.pdf
  12. [12]„I used to hear it [die Rezeptur] talked about among artists, about twenty- five years ago, as a sort of potters' philosopher's stone.“ Vgl. De Morgan, William: Lustre Ware, in: The Journal of the Society of Arts 40, 1892, S. 756-764, hier S. 761.
  13. [13]Brief vom 7. Februar 1911, zit. nach: Catherine Gordon (Hg.): Evelyn de Morgan. Oil paintings, London 1996, S. 18f.
  14. [14]siehe hierzu: Gannon, Corinna: Evelyn De Morgan’s Female Alchemist in 'The Love Potion.' A Figurehead for the Female Artist, in: Contraposto. University of Toronto Art Journal, März 2018, S. 55-79.
Corinna Gannon

Corinna Gannon, M.A., studierte Kunstgeschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und schloss ihr Studium mit der Arbeit «Evelyn De Morgans The Love Potion. Die Alchemie-Rezeption in der englischen Malerei des 19. Jahrhunderts.» ab. Derzeit ist sie Doktorandin am Kunstgeschichtlichen Institut in Frankfurt am Main bei Prof. Dr. Jochen Sander und dissertiert zu «Künstler-Alchemisten des 16. Jahrhunderts am Hof von Kaiser Rudolf II. in Prag»

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